Leica Summicron-TL 23mm

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Vor einiger Zeit fragte mich ein Leser zu meinen Erfahrungen mit dem Summicron-TL 23mm. Tatsächlich habe ich das Objektiv einige Zeit sehr intensiv an der CL genutzt und schon seit längerem einen Erfahrungbericht vorbereitet, ihn allerdings aus Zeitgründen nie veröffentlicht. Dies möchte ich hiermit nun nachholen.
In meinem ersten Jahr mit der CL nutzte ich die Kamera mit dem TL 11-23, dem TL 55-130 und dem Summilux-TL 35mm. All diese Objektive haben eine Gemeinsamkeit: sie sind zwar spitze in der Bildqualität, aber auch verhältnismäßig voluminös und schwer.

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Der angenehmste dieser drei Kandidaten ist dabei noch das Weitwinkelzoom 11-23mm, die anderen beiden Modelle konterkarieren die Kompaktheit des APS-C-Systems leider etwas. Daher nutzte ich das 11-23 zunächst als „Immerdrauf“, kam jedoch immer wieder in Situationen, in denen ich gern eine noch deutlich kleinere Optik zur Verfügung gehabt hätte – hauptsächlich um die (an sich ja kleine) Kamera auch mal in der Jackentasche verstauen zu können. Die beste Kamera ist bekanntlich die, die man immer mit dabei hat. Aber man hat sie eben nur dann immer mit dabei, wenn das im Alltag auch praktikabel ist.

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Auf Grund dieser leichten Unzufriedenheit meinerseits rückten irgendwann die beiden in Japan gefertigten Festbrennweiten in mein Sichtfeld; das 23mm Summicron-TL und das 18mm Elmarit-TL. Zwar ist das 18mm das kleinere von beiden – ein Pancake sozusagen. Mich aber sprach das 23er Summicron eher an, da es die höhere Lichtstärke bietet, laut vieler Testberichte optisch etwas besser ist und sich mittels des Elpro-52-Adapters sogar zum Macro umrüsten läßt.

Das Leica Summicron-TL 1:2/23mm besteht aus 9 Linsen in 6 Gruppen, 2 Asphären und hat einen Filterdurchmesser von 52mm.

Ich hatte in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit dem 35mm-Summicron-M gemacht und das Summicron-TL schien mir ähnlich reizvoll. Zwar erreichen wir auch hier nicht die Eckdaten des Vollformatobjektives, denn ein 23mm F2.0 ist bei APS-C ein Äquivalent zu 35mm F3.0. Damit geht natürlich wieder viel Freistellvermögen verloren. Andererseits war ich mit dem sehr guten Sony Zeiss 35mm F2.8 an der Sony A7R in einer ähnlichen Situation – und trotzdem zufrieden. Und wenn wir mal ehrlich sind: diese „Reportage“-Brennweite ist eh nicht besonders prädestiniert für Bokeh- und Freistellungsspielereien.

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Das Paket aus Leica CL und Summicron-TL 23mm erinnerte mich dann auch sehr an das eben genannte Paket aus Sony A7R und Zeiss 35mm F2.8. Zwar ist auch diese Größe noch nicht unbedingt jackentaschentauglich – es müssen schon eher Manteltaschen sein. In Sachen Portabilität sieht es trotzdem schon ein ganzes Stück besser aus.

Haptisches

Das Summicron-TL 23mm F2.0 Asph. hat ein Gewicht von nur 154 Gramm und misst 37mm in der Länge und 63mm im Durchmesser (ohne Sonnenblende). Zusammen mit der Leica CL ergibt das ein handliches, gut ausbalanciertes Paket. Lediglich der im Verhältnis zur Länge recht große Durchmesser weist auf das elektronische Innenleben des Objektives hin. Die mitgelieferte Sonnenblende ist zwar nicht direkt klein aber dennoch gefällig und nicht übertrieben groß, wie z.B. die Sonneblende beim Summilux-TL 35mm. Ich habe trotzdem auf den Zubehörhandel zurückgegriffen und diese billige Metall-Blende bestellt, die der ganzen Sache meiner Meinung nach zu einem schönen klassischen Design verhilft (das Auge isst bekanntlich mit).

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Das 23mm-Summicron-TL und das Standard-Zoom 18-56mm waren damals die ersten beiden Optiken, die zur Uroma des (T)L-Mount, der Leica T, ausgeliefert wurden. Obwohl die erste Leica T zunächst hauptsächlich in silber angeboten wurde, gibt es beide Objektive nur schwarz eloxiert. Silberne Varianten werden nur beim 35er, 60er und 18er angeboten.

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Während ich die Kombination des schwarzen 23mm mit einer silbernen Leica T(L)2 eher gewöhnungsbedürftig finde, passt es trotzdem recht gut zu beiden Leica-CL-Farbvarianten, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass auch die silberne Leica CL trotzdem schwarze Elemente beinhaltet.

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Die Verarbeitung des Summicron-TL ist wie gewohnt hochwertig, wie alle TL-Objektive besteht es außen aus Metall. Auf Grund des geringen Gewichtes muss man allerdings davon ausgehen, dass innen teilweise Kunststoff zur Anwendung kommt. Damit kann ich aber gut leben. Alle TL-Objektive sind grundsätzlich nicht spritzwassergeschützt, stecken aber im praktischen Einsatz – das kann ich als wettergeplagter Erzgebirgler bestätigen – dennoch so einiges weg.

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Der Fokus-Ring ist geriffelt und damit sehr griffig. Die Fokussiermethode ist nicht direkt, sondern „Focus-by-wire“, d.h. man steuert durch das Drehen indirekt einen Schrittmotor an. Leica setzt das allerdings immer so gut um, dass es sich nahezu perfekt mechanisch anfühlt. Auch das Summicron macht hier keine Ausnahme.

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Der Autofokus arbeitet leise, schnell und unauffällig. Anfängliche Kritik muss wahrscheinlich den damaligen T-Modellen zugeschrieben werden, denn in Verbindung mit CL (oder auch TL2) kann man sich nicht mehr beschweren, selbst in dunkler Umgebung. Man muss dabei natürlich die Grenzen des reinen Kontrastautofokus beachten, in meinem Bericht zur CL bin ich darauf bereits ausführlich eingegangen.

Bildqualität

Das Summicron-TL hat eine Naheinstellgrenze von nur 35cm, in Verbindung mit der hohen Lichtstärke von F2.0 verspricht das zunächst verhältnismäßig viel Spielraum für Freistellung und das Spiel mit Unschärfe und Bokeh. Es „erbt“ jedoch ein kleines Problem von der X Typ 113. Wenn man sich sehr nahe am Motiv befindet, blendet die Kamera nämlich automatisch auf bis zu F2.8 ab – dagegen kann man nichts tun, auch nicht durch manuellen Eingriff. Ich vermute – und das ist jetzt wirklich nur geraten – die Optik würde im Nahbereich mit Blende F2.0 ein ganz klein wenig weicher zeichnen. Bei anderen Kameramarken ist das ein Feature (ich schaue auf Dich, Fuji X100!) und wird als Maßnahme zugunsten schmeichelhafterer Portraits verkauft, bei Leica greift die Elektronik ein und schließt die Blende etwas. Ich kann problemlos mit diesem „Makel“ leben, aber es stünde Leica gut zu Gesicht, dies etwas transparenter und offener zu kommunizieren. Auch bei der Leica X Typ 113 blieb ein fader Beigeschmack hängen, weil es zunächst für einen Fehler in der Firmware gehalten wurde. Nach und nach wurde dann klar, dass es wohl so gewollt sei, um die gewohnte Bildqualität sicherzustellen. Ich bin der Meinung, wenn man solch eine Sache schlüssig begründen kann, soll man das auch ganz offen tun und nicht den Eindruck erwecken, man wollen dem Kunden etwas „unterjubeln“.

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Davon abgesehen ist das 23er – trotz Fertigung in Japan – ein echtes Leica-Objektiv. Farben, Mikrokontrast und Bildwirkung sind top. Die Schärfe ist bei Offenblende in Ordnung und am Rand nur minimal geringer, ab F4.0 über den gesamten Bereich absolut optimal. Ich bekam unterhalb von F4.0 am Rand auch gelegentlich Farbsäume zu Gesicht – allerdings in beherrschbarem Ausmaß. Ich möchte daran erinnern, dass auch ein teures Summilux in den Grenzbereichen (Offenblende, Ränder) nicht immer absolut perfekt abbildet. Der Gesamteindruck ist ausgezeichnet. Die eher schlechten Testergebnisse beispielsweise der Colorfoto 7/2014 und 4/2019 kann ich nicht nachvollziehen. Immer wieder lese ich von der geringen Auflösung/Schärfe – allerdings werden die Tests auch alle auf Basis der jpg-Bilder durchgeführt. Bekanntermaßen schärft die Leica CL/T(L/2) im jpg-Format nur sehr dezent nach. Das Maß der Dinge sollte daher eigentlich das RAW-Format sein und da habe ich auf meinem Monitor auch in der 100%-Ansicht nichts zu bemängeln – ich vergleiche dabei mit M-Optiken!

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Der Umgang mit Gegenlicht ist wie gewohnt unkritisch und die Randabdunklung liegt bei maximal einer Blende – aber für mich ist das ja eh ein Feature und kein Problem, denn ich füge bei nahezu jedem Bild Vignette dazu.

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Eine Sache ist mir jedoch aufgefallen: die Verzeichnung ist bei dieser Optik tatsächlich etwas stärker, wird aber von der automatischen Korrektur natürlich gut beherrscht. Es ist halt für ein Leica-Objektiv nur ungewohnt, wenn man den Unterschied zwischen Korrektur an/aus wirklich sieht. Ich vermute, das ist der Preis für den Formfaktor – und ich kann damit Leben.

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Sicher, man bekommt hier keine 5000-EURO-M-Optik, aber ein solides, leichtes APS-C-Objektiv mit viel Leica-Charakter (Farben, Kontrast, 3D-Bildeindruck) und einem vergleichsweise günstigen Gebrauchtpreis von ca. 900 – 1.200 EUR (Stand 02/2020). Ich hatte den direkten Vergleich zum Fujinon 23mm F1.4 und F2.0 und das Summicron ist aus meiner Sicht in der Summe aller Eigenschaften besser. Die Fujis waren bei Offenblende weicher, flauer und ließen das gleichmäßige, weiche Bokeh vermissen. Ich hatte es beim Test der Leica CL schon gesagt und wiederhole es hier gern: der absolute High-End-Bereich bleibt natürlich den entsprechenden Vollformat-Geräten vorbehalten, aber mit der Kombi aus CL und dem TL23mm erhält man in der Summe aller Eigenschaften eins der besten (das beste?) APS-C-Systeme am Markt, vor allem wenn man hier auch mal Formfaktor und erreichbare Bildqualität in Bezug setzt.

Fazit

Das Summicron-TL 23mm ist definitiv das von mir bisher noch gesuchte „Immerdrauf“ für die CL. Es vereint alle dafür erforderlichen Eigenschaften auf optimale Weise. Formfaktor, Gewicht, Lichtstärke, Bildqualität, universelle Brennweite – das alles passt hier einfach gut zusammen und das war mit Sicherheit auch das Entwicklungsziel dieses Produktes.

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Wer es noch jackentaschentauglicher möchte, muss auf das Elmarit-TL 18 ausweichen, dann allerdings auch gewisse Einbußen in Lichtstärke und Bildqualität hinnehmen.

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Das 23er hingegen ist keine Kompromisskonstruktion, sondern ein vollwertiges, erwachsenes Leica-Objektiv mit entsprechendem Charakter. Zusätzlich erlaubt es die Nutzung des Elpro 52 (Macro-Adapter), was den Einsatzbereich nochmals enorm erweitert.

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Die Tatsache, dass die Optik im Nahbereich automatisch auf bis zu F2.8 abblendet, ist in der praktischen Anwendung kaum ein Problem, sollte von Leica aber offener kommuniziert und begründet werden.

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Bleibt die Frage, ob man das Objektiv auch dann empfehlen kann, wenn man bereits ein TL 11-23-Zoom besitzt. Ich denke, das ist der Fall. Auch wenn sich der Brennweitenbereich überschneidet, sind die Anwendungsfälle der beiden Objektive doch grundverschieden. Das Summicron ist ein möglichst kompaktes Immerdrauf mit hoher Lichtstärke, das Zoom hingegen deckt primär den Bereich der Ultraweitwinkel ab, Formfaktor und Lichtstärke sind dabei hintenangestellt.

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