10 Fragen an… Carmine Castelli

Carmine Castelli habe ich durch meinen Blog kennengelernt. Die Leica Q war seine „Einstiegsdroge“. Sein Talent ist sehr weit gefächert und umfasst nicht nur Portraits mit viel Charakter sondern auch Street, Landschaft, Reise- und Architektur. Typisch für ihn ist das Spiel mit dem Licht und ein Gespür für ikonische Bildgestaltung. Jüngst wurden zwei Bilder von ihm auf der schweizer Leica-Homepage präsentiert und eines im Leica Courrier-Magazin abgedruckt.

Carmine, Willkommen bei kleinbildkamera.blog und bei „10 Fragen an…“.
Danke, dass Du Dir Zeit genommen hast. Im Folgenden versuche ich, mit 10 Fragen ein möglichst umfassendes Bild von Dir und Deiner Arbeit zu erstellen.

(1) Wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Den ersten Kontakt mit einer Kamera hatte ich, als mein Vater sich eine Yashica FX-D Quarz Spiegelreflexkamera mit 3 Objektiven kaufte. Da er selber mit dem Fotografieren nicht wirklich warm wurde und zusätzlich Mühe hatte, die Technik zu beherrschen, wollte ich mich – damals im Alter von 10 Jahren – dieser Herausforderung stellen. Ich habe mir deshalb die gesamte Bedienungsanleitung durchgelesen, die Kamera ausprobiert und festgestellt, dass mir das Fotografieren liegt.

So vergingen die Jahre und die Fotografie fand zunächst trotzdem keinen Platz in meinem Leben. Mit 17 Jahren fing ich an, bei einer Versicherung zu arbeiten. Schnell entwickelte sich dieser Beruf zu meiner Leidenschaft. Zu dieser Zeit lag mein Fokus im Leben auf anderen Dingen: die erste Wohnung, Reisen, Familie und Freunde. Mit Anfang 20 kaufte ich mir meine erste Spiegelreflexkamera Canon EOS300 mit einem Sigma-Objektiv. Anschliessend kamen noch eine digitale Nikon D80 und viel später meine heißgeliebte Fuji X100 dazu – ein Geschenk von meiner Frau zum 40. Geburtstag.

Das entfachte die alte Liebe zur Fotografie wieder neu – bis zu dem Zeitpunkt, als mein Vater schwer erkrankte. Erst nach seinem Tod fand ich Schritt für Schritt wieder dauerhaft zurück zu meinem heissgeliebten Hobby. Seine alte Ausrüstung habe ich übrigens übernommen. Die Belederung an der Kamera wurde erst vor Kurzem erneuert.

Auf Empfehlung eines guten Freundes und leidenschaftlichen Leica-Sammlers kaufte ich mir meine erste Leica: die Q. Damit öffneten sich mir fotografisch komplett neue Welten und ich lernte mit ihr viel über Bildgestaltung und das Licht. Bald darauf kamen noch eine Leica M10 und etwas später eine M6 dazu. Bis zum heutigen Tag fotografiere ich mit diesen drei Kameras und bin von ihnen begeistert.

(2) Was sind Deine bevorzugten fotografischen Themen?

Ich bin ein Moment-Fotograf. Alles, was mir über den Weg läuf, hat Potential, in meine Linse zu kommen. Am meisten brenne ich für die Streetphotography, weil dort Menschen involviert sind.

Ich mag es, in meinen Bildern Momente festzuhalten, die auch eine Geschichte erzählen. Dies können ganz alltägliche Situationen sein oder ein spontanes Motiv. Ich lege mich nicht fest, da in Allem etwas Besonderes stecken kann. Egal ob Portraits, Architektur oder Landschafen: Ich bin für alles offen.

(3) Welche technische Ausrüstung nutzt Du?

Als Hardware benutze ich Leica Q, Leica M10 und die analoge Leica M6 mit dem Summilux 50mm 1.4, dem Summicron 50mm 2.0, dem Elmarit 21mm 2.8 und gelegentlich dem Summilux 35mm 1.4 Aspherical.

Die Leica Q ist ein Arbeitstier und für mich die beste Einsteigerkamera ins Vollformat. Ich benutze sie vor allem, wenn es schnell gehen muss, insbesondere bei der Streetphotography. Ihre Stärken sind der schnelle und treffsichere Autofokus, der Bildstabilisator und natürlich das absolut lichtstarke Summilux 28mm 1.7 – die perfekte Brennweite für die Straße. Auch bei schlechten Lichtverhältnissen ermöglicht mir die Kamera in Verbindung mit dem Bildstabilisator atemberaubende Bilder.

Mein Herz schlägt aber ganz klar für die Leica M10. Durch Sie habe ich mich am meisten fotografisch weiterentwickelt. Der Messsucher und die Beschränkung auf Festbrennweiten zwingen mich, mir mehr Zeit für das einzelne Bild und den Bildausschnitt zu nehmen.

Für mich ist die Herausforderung in der Fotografie, Alltagssituationen oder Gegenstände für den Betrachter fotografisch interessant einzufangen. Mittlerweile sehe ich das fertige Bild schon vorher im meinem Kopf und muss entsprechend viel ausprobieren, um das Endresultat meiner Vorstellung gemäß umzusetzen. In Kombination mit dem Summilux 50mm 1.4 oder dem Summicron 50mm 2.0 macht das unglaublich viel Spass und fördert meine Kreativität.

Als Software benutze ich schon immer Lightroom Classic. Ich empfinde die Software als benutzerfreundlich, einfach zu bedienen und selbsterklärend.

(4) Welches ist Dein Lieblingsobjektiv?

Mein absolutes Lieblingsobjektiv ist das Summilux 50mm 1.4. Ich benutze es für Streetphotography oder für Portraits. Es ist handlich und macht fantastische Bilder; geeignet jedoch nur für geübte Fotografen, da es bei voll geöffneter Blende und nahen Motiven eine sehr geringe Tiefenschärfe aufweist. Dafür wird man mit einer wunderschönen Bildwirkung belohnt.

(5) Gibt es ein besonders positives Erlebnis, dass Du mit der Fotografie verbindest?

Ein besonders positives Erlebnis war die Anfrage von Leica Fotografie International (im Auftrag von Leica Camera Switzerland) im Juni 2019. Es ging darum, ob ich zwei meiner Bilder für ein neues Leica M-Video zur Verfügung stellen würde, welches in den gesamten Schweizer Leica-Stores veröffentlicht wird und zudem auch auf der Schweizer Leica M-Homepage.

Ich lade meine Bilder unter Anderem in die Galerie der LFI („Leica Fotografie International“) hoch. Einige davon erhielten den Titel „Mastershot“ und so wurde man auf die Bilder aufmerksam.

Als dann die Anfrage kam, war ich überwältigt und konnte es kaum glauben. Schnell willigte ich ein und das Video wurde im November 2019 veröffentlicht. Als krönender Abschluss wurde eines meiner im Video gezeigten Fotos im „Leica Courrier Magazin Schweiz“ abgedruckt. Ein Exemplar davon durfte ich persönlich am Leica Schweiz Hauptsitz in Nidau entgegennehmen.

(6) …und gibt es auch ein besonders negatives Erlebnis?

Das bisher einzige negative fotografische Erlebnis passierte vor einigen Wochen, als ich am Flughafen einige Motive suchte. Ich erhielt andauernd komische Blicke und bald darauf kamen zwei Grenzwächter zu mir, die wissen wollten, was ich fotografiere. Stutzig zeigte ich ihnen meine Bilder und erklärte ihnen, dass ich Hobbyfotograf sei und Motive für meine Kreativfotos suche. Letztlich musste ich noch meinen Ausweis vorweisen und die Sache war erledigt.
Trotzdem fühlte ich mich in dieser Situation unwohl.

(7) Gibt es etwas, was Du in Zukunft gern tun würdest?

Es reizt mich, in die weite Welt zu reisen um andere Kulturen und Menschen kennenzulernen und die unterschiedlichsten Motive fotografisch festzuhalten. Leider ist dies aus zeitlichen und familiären Gründen momentan nicht möglich. Ich hoffe aber, mir meinen Wunsch zu einem späteren Zeitpunkt erfüllen zu können.

(8) Wer inspiriert Dich?

Meine grösste Inspiration ist der Fotograf Sean Tucker (www.seantucker.photography/street). Ich bin über seine Youtube-Videos und seine Bilder auf Instagram auf ihn gestossen. Vor allem inspiriert er mich durch sein fotografisches Arbeiten mit Licht und Schatten und durch seine interessante Sichtweise auf das Leben. Durch ihn hat sich meine Leidenschaft für das Fotografieren um ein Vielfaches vergrössert.

Einen großen Anteil daran hat auch Jens Krauer (jenskrauer.com), ein Fotograf, den ich auf einem Workshop in Olten kennengelernt habe. Seine Schwarz-Weiss Bilder im Streetphotography-Stil haben meine eigenen Fotos bis heute beeinflusst.

(9) Welches fotografische Gimmick würdest Du kaufen, wenn Geld keine Rolle spielte?

Das Leica Apo-Summicron 50mm F2.0, ein Objektiv mit außerordentlicher Schärfe und fantastischer Abbildungsleistung. Da es klein und handlich ist, würde es perfekt in meine Kameratasche passen. Es erzeugt dank seinem 3D-Look ausgesprochen plastische Bilder.

(10) Wie siehst Du die Zukunft der Fotografie?

Ich glaube, dass die heutigen Kameras in punkto Bildqualität und Technik schon auf einem sehr hohen Niveau sind. Grosse Veränderungen oder Verbesserungen wird es daher wahrscheinlich weniger geben. Meiner Meinung nach werden eher Software, Bildstabilisator oder z.B. die automatische Augenerkennung optimiert. Es wird versucht, dem Fotografen zunehmend das Fotografieren zu erleichtern – leider manchmal auch auf Kosten der Kreativität. Denn je mehr die Kamera dem Fotografen das Arbeiten abnimmt und „mitdenkt“, desto weniger lernt er selber das eigentliche Handwerk.

Wenn man die wichtigsten Parameter in der Fotografie (Blende, Belichtungszeit, ISO) kennt und weiss, wie sie sich untereinander beeinflussen, kann man sich weiterentwickeln. Dafür braucht es Erfahrung und die kann nur der Fotograf einbringen. Bei diesem ganzen Prozess der „echten“ Weiterentwicklung spielt die Technik lediglich eine sekundäre Rolle.

Die spiegellosen Kameras werden weiterhin die Spiegelreflexkameras verdrängen. Allerdings haben diese trotzdem in einigen Bereichen der Fotografie ihre Berechtigungen – auch heute noch.

Derzeit werden die meisten Fotos mit dem Smartphone gemacht – in durchaus guter Qualität. Smartphones sind in meinen Augen dann gut, wenn es schnell gehen muss. Für das geschulte Auge wird bei näherer Betrachtung trotzdem immer erkennbar sein, ob beispielsweise ein Bokeh nachträglich digital hinzugefügt wurde oder ob es durch hochwertige Objektive und gekonnte Bedienung entsteht.

Einige persönliche Worte an die Leser dieses Blogs

Die meisten Menschen denken, dass gute Fotos primär durch die Technik entstehen. Meiner Meinung nach ist es eher eine Frage der Erfahrung. Man muss sich Zeit nehmen um sein Auge zu schulen und viel fotografieren. Nur so kann man sich weiterentwickeln und einen eigenen Stil finden. Man sollte versuchen, sich selbst treu zu bleiben und nicht einfach nur andere kopieren. Letztlich liegt es trotzdem immer im Auge des Betrachters, ob man ein „guter Fotograf“ ist.

Was ich jedem Fotografen mit auf dem Weg geben kann, ist der persönliche Austausch mit Fotoenthusiasten ausserhalb der Social Media Plattformen. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass mir die Anerkennung und die Interaktion mit diesen Leuten viel wichtiger ist, als all die Likes aus der digitalen Welt. Natürlich kann man Social Media nutzen, aber in einem gesunden Verhältnis zum „echten Leben“.

Ausserdem verfolge ich seit Jahren immer wieder gerne Foto-Blogs wie z.B. den von Claus Sassenberg (www.messsucherwelt.com). Ich tausche mich mit diesen Bloggern gelegentlich auch aus und das macht mir viel Freude. Fotografie verbindet Menschen!

Ein letzter Tipp, der mir am Herzen liegt: man sollte seine schönsten Bilder ausdrucken! Dadurch bekommen sie noch viel mehr Bedeutung, entfalten eine stärkere Wirkung auf den Betrachter und bereiten auch dem Fotografen mehr Freude.

Vielen Dank an Carmine Castelli!

Behance Website: www.behance.net/carminecastelli
Instagram: www.instagram.com/castelli.carmine

Leica Blog mit Portrait „Kubaner“
Leica M Homepage mit Video (Portrait „Kubaner“ und Bild „Fußspuren“)
Download des Leica Courrier Magazin (PDF) mit Portrait „Kubaner“

Alle Bilder: ©Carmine Castelli